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MARIENGYMNASIUM ARNSBERG
in der Trägerschaft des Erzbistums Paderborn

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Vortrag von Frau Katrin Himmler: „Leben mit einem belasteten Namen“

  • Einleitungstext:

    Am 7. Mai 2026 hielt die Politikwissenschaftlerin und Großnichte Heinrich Himmlers am Mariengymnasium einen beeindruckenden und eindringlichen Vortrag über ihre Familiengeschichte, ihre Forschung zur Verstrickung der Großfamilie in das NS-Regime und darüber, wie es ist, mit dem Namen eines der führenden NS-Verbrecher zu leben. Der Vortrag war ein wichtiges Beispiel dafür, wie persönliche Biografien und historisches Forschen zusammenkommen und warum die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit gerade heute unverzichtbar ist.

    Die Rednerin begann zunächst mit der Biografie Heinrich Himmlers und mit der Darstellung ihres Verwandtschaftsgrades anhand eines Stammbaumes.

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Am 7. Mai 2026 hielt die Politikwissenschaftlerin und Großnichte Heinrich Himmlers am Mariengymnasium einen beeindruckenden und eindringlichen Vortrag über ihre Familiengeschichte, ihre Forschung zur Verstrickung der Großfamilie in das NS-Regime und darüber, wie es ist, mit dem Namen eines der führenden NS-Verbrecher zu leben. Der Vortrag war ein wichtiges Beispiel dafür, wie persönliche Biografien und historisches Forschen zusammenkommen und warum die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit gerade heute unverzichtbar ist.

 

Persönlicher Zugang zur Familiengeschichte

Die Rednerin begann zunächst mit der Biografie Heinrich Himmlers und mit der Darstellung ihres Verwandtschaftsgrades anhand eines Stammbaumes. Zudem erläuterte Frau Himmler, wie sie im Geschichtsunterricht erstmals die Zusammenhänge zwischen ihrem Namen und dem Nationalsozialismus erkannte und dass ihr Geschichtslehrer eine wichtige Möglichkeit der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ungenutzt ließ, indem er über diese verwandtschaftlichen Bezüge hinwegging. Sie berichtete, wie sich das Bewusstsein um den Familiennamen und dessen Bedeutung allmählich bildete, welche Fragen sie in der Familie stellte und dass sich die Familie, entgegen ihren späteren Forschungsergebnissen, weitestgehend als unpolitisch ansah. Sie schilderte offen, wie belastend und ambivalent das Leben mit einem historischen Namen sein kann, zugleich als Antrieb zur Forschung und als Verantwortung, die Geschichte nicht zu verschweigen oder zu mystifizieren.

 

Forschung zur Verstrickung der Familie

Im Zentrum des Vortrags stand die faktenbasierte Darstellung, wie Mitglieder ihrer Großfamilie in der NS-Zeit handelten und welche Ämter, Funktionen oder Verbindungen sie hatten. Dabei lag der Fokus insbesondere auf den drei Brüdern Himmler, denen sie ihr 2005 im S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main erschienenes Buch Die Brüder Himmler. Eine deutsche Familiengeschichte gewidmet hat.
Hierbei betonte sie, wie wichtig genaue Quellenarbeit ist: Nicht jede familiäre Erinnerung stimmt mit den Akten überein, manches wurde beschönigt, manches verschwiegen. Ihre Forschung zeigte die Bandbreite möglicher Verstrickungen, von politischer Unterstützung und administrativer Beteiligung bis hin zu Mittäterschaft und persönlichen Profiten.

 

Wege historischer Recherche

Die Referentin gab wertvolle Hinweise, wie man selbst zur NS-Vergangenheit von Vorfahren recherchieren kann:

• Sich einen ersten Überblick verschaffen: Geburtseinträge, Adressbücher, lokale Archive und Melderegister.

• Im Bundesarchiv nachschlagen: Personalakten, Behördenakten, Polizei- und SS-Dokumente. Für Anfragen empfiehlt sie präzise Angaben, etwa Namen, Geburtsdatum, vermutete Dienststellen und Ortsangaben.

• Weitere Quellen nutzen: Staatsarchive der Länder, Militärarchive, Gerichtsakten, zeitgenössische Zeitungen, Standesämter, Kirchengemeinden und lokale Erinnerungsprojekte.

• Methoden: Quellentriangulation, also der Vergleich mehrerer Quellen, genaue Dokumentation der gefundenen Akten mit Signaturen und Fundstellen sowie kritische Reflexion über Lücken und Widersprüche.

• Rechtliches und Organisatorisches: Hinweise zum Datenschutz, zu Gebühren und zu Fristen. Oft ist persönliche Vorsprache oder eine schriftliche Anfrage nötig.

Diese praktischen Tipps machten deutlich: Historische Aufarbeitung ist Arbeit. Sie erfordert Sorgfalt, ist zeitaufwendig und manchmal emotional belastend. Gleichzeitig ist sie das Handwerk, das verlässliche Erkenntnisse liefert.

 

Verantwortung, Demokratie und Erinnerung

Die Rednerin formulierte mehrere zentrale Gründe, warum gerade Familien, Schulen und Gesellschaft die NS-Vergangenheit aktiv aufarbeiten sollten:

• Verantwortung gegenüber Opfern: Erinnern heißt anerkennen, dass Verbrechen geschehen sind, und sie nicht zu relativieren.

• Demokratieförderung: Wer die Mechanismen von Propaganda, Ausgrenzung und autoritärem Denken kennt, ist weniger anfällig für rechtes Denken heute.

• Verhindern von Mythenbildung: Unaufgearbeitete Familiengeschichten eignen sich als Nährboden für Verharmlosung oder rechtsextreme Vereinnahmung.

• Deutungshoheit bewahren: Wenn Zivilgesellschaft, Bildungseinrichtungen und Forschende nicht die Initiative übernehmen, füllen rechte Gruppen historische Leerstellen mit ideologischer Deutung.

 

Umgang mit belasteter Familiengeschichte

Die Referentin sprach auch über das Innenleben: Schuldgefühle sind individuell nicht automatisch vererbbar, wohl aber die Verpflichtung zur Erinnerung. Sie betonte, dass es unterschiedliche Wege gibt, mit belasteter Familiengeschichte umzugehen: Schweigen, Verschweigen, aber auch aktive Aufarbeitung und öffentliche Stellungnahme. Offenheit und wissenschaftliche Distanz, kombiniert mit Empathie gegenüber Betroffenen, sind ihr dabei wichtig.

 

Impulse für Schule und Unterricht

Der Vortrag endete mit konkreten Vorschlägen, wie Schulen das Thema weitertragen können:

• Einbindung in den Unterricht: Projektarbeiten, Biografieforschung, Besuch von Archiven.

• Kooperationen: Austausch mit Gedenkstätten, Geschichtswerkstätten sowie Historikerinnen und Historikern.

• Schaffung sicherer Räume: Für Schülerinnen und Schüler, die Familiengeschichten erforschen oder über belastende Ergebnisse sprechen wollen.

• Zivilcourage fördern: Gespräche über Gegenwart und Demokratie, damit rechte Gruppen nicht allein Deutungsangebote besetzen.

 

Dank an Katrin Himmler und den Lions Club Arnsberg-Sundern

Der Vortrag hinterließ bei vielen Zuhörenden einen nachhaltigen Eindruck. Die Verbindung von persönlicher Betroffenheit und akribischer Forschung machte das Thema nachvollziehbar und drängend.

Wir danken der Referentin für ihre Offenheit, die praktischen Recherchehinweise und die ermutigenden Worte zur Bedeutung historischer Verantwortung. Unser besonderer Dank gilt dem Lions Club Arnsberg-Sundern, dessen Unterstützung diese eindrucksvolle Veranstaltung ermöglicht hat. Dr. Ortwin Ruland, Präsident des Lions Clubs Arnsberg-Sundern, nahm ebenfalls an der Veranstaltung teil.

 

Weiterführende Recherchemöglichkeiten

Der Vortrag bietet auch über die Veranstaltung hinaus zahlreiche Anknüpfungspunkte für den Geschichtsunterricht, für Projektarbeiten und für die persönliche Auseinandersetzung mit Familiengeschichte in der NS-Zeit. Daraus können weitere Impulse für Unterrichtsprojekte, Archivbesuche, Quellenarbeiten oder Diskussionsveranstaltungen entstehen. Für eine vertiefende Beschäftigung bieten sich insbesondere folgende Anlaufstellen an:

• Wer im Bundesarchiv recherchieren möchte, findet Informationen zu Anfragen, Gebühren und Kontaktformularen auf den offiziellen Seiten des Bundesarchivs.

• Für lokale Recherchen empfehlen sich die jeweiligen Landesarchive und örtlichen Gedenkstätten als erste Anlaufstellen.

Für Rückfragen oder schulische Anschlussprojekte steht die Geschichtsfachschaft gern als Kontakt zur Verfügung.

 

Text und Fotos: Jens Kirschner (Geschichtslehrer)